Tapferkeit (22. So. i. J. – Mt 16, 21-27)

Der Begriff der Tapferkeit mag ein wenig antiquiert klingen; in der Alltagssprache kommt er fast nicht mehr vor. Doch es ist nicht zu übersehen, dass er ein höchst aktuelles Thema berührt: Es geht um Angst und um Mut, um die Reaktion auf Ängste, auf beklemmende bange machende Situationen. Jeder kennt solche Momente. Wer durchlebt in der Mühe um das Gute nicht Widerwillen, wer ist nicht mal versucht, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen? Wer wird nicht gelegentlich von Ängsten und Zaghaftigkeit gepackt, etwa wenn er in der heiklen Angelegenheit öffentlich das Wort ergreifen soll? Die Angst hält uns öfter davon ab, zu tun, was wir als gut und richtig erkannt haben, oder uns zu Wort zu melden. Wir reden viel von Konformismus – in Wahrheit handelt es sich um Angst. Zu den vielfältigen Verhaltensweisen, die im Gegensatz zur Tapferkeit stehen, gehört auch die omertà, die Wahrung jenes Gesetzes des Stillschweigens, das überall, wo die Mafia herrscht, verheerende Folgen hat.

Tapferkeit ist überall vonnöten, wo Menschen Drohungen widerstehen, wo sie Ängste überwinden müssen. Wir brauchen sie, um der inneren Müdigkeit und dem Verdruss entgegenzutreten, um die Abneigung gegen den Alltagstrott zu überwinden und das Gute tun zu können. Die Tapferkeit ist eine grundlegende sittliche Tugend, die von jedem rechtschaffenden Menschen gefordert ist.

Kardinal Carlo Maria Martini

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