Petrus steigt aus dem Boot (19. So. i. J. – Mt 14, 22-33)

Petrus steigt aus dem Boot. Was treibt ihn dazu, gegen alle Vernunft und ohne Rückversicherung ein solches Wagnis einzugehen? Warum fehlt ihm die Geduld, das sichere Ufer abzuwarten? Wie sollte er, der durchaus nicht an Realitätsverlust litt, sich auf ein solches Nonsens-Unternehmen einlassen?
In dieser Gleichnisgeschichte ist von unserem Glauben die Rede; sie sagt uns etwas von seinen Grundbedingungen, wie sie damals für die ersten Jünger galten und wie sie für uns heute gelten.

Vom Glauben ist die Rede, von seinen Grundbedingungen, wie sie damals für die Jünger Jesu und für uns heute gelten.

Ja gewiss, man sollte nicht ins Blaue hinein glauben. Das hat auch Petrus nicht getan. Er war kein Abenteurer und Phantast. Er hatte durchaus einen tragfähigen Grund für seine Entscheidung, nämlich die Aufforderung seines Meisters: Komm! Für Außenstehende bleibt trotzdem sein Unternehmen eine Torheit. Aber gibt es nicht auch „die Torheit der Liebe“? Und dann sehe ich Petrus, wie die Liebe zu seinem Herrn und Meister Grund und Begründung genug sind, den Fuß über den Bootsrand zu setzen. Er hat Jesus fest im Blick. Das Wissen, von seinem Meister geliebt, d.h. durch und durch getragen und gehalten zu sein, gibt ihm die Gewissheit: Mir kann nichts passieren, zumal mich Jesus selbst auffordert: Komm!

Aber dann die ganze Menschennot, in die Petrus hinein gerät. Der nachtdunkle Strudel des Wassers zieht ihn in die Tiefe. Warum? Petrus hat seinen Blick von Jesus abgewandt; jetzt erst wird er sich der Gefahr bewusst, in die er sich hinein begeben hat; er hat ja Wasser unter den Füßen. In dieser äußersten Not weiß er aber doch, wer allein seinen Angstschrei hören und ihm helfen kann.

Hier wird unser Glaube verhandelt, und ich verstehe: Es gibt keinen Glauben ohne Liebe. Wir sind nicht angehalten, an Grundsätze und Sachverhalte zu glauben, sondern vorab an ihn, Jesus Christus. Das Herz spricht zum Herzen: Behalte mich im Blick! Hab keine Angst! Ich bin ja bei dir!
Es ist tröstlich auch für uns, wenn Jesus zu Petrus sagt: „Du Kleingläubiger!“ Das sind auch wir! Aber Jesus tadelt uns nicht; er weiß, wie uns Menschen oft zumute ist. Gewiss, auch eine Spur Traurigkeit schwingt bei seiner Feststellung mit. Und eigentlich höre ich eine Verlockung heraus, das Wagnis des ganzen Glaubens und der großen Liebe einzugehen. Darauf, auf das Ganze, zielt ja die tiefste Sehnsucht unseres Lebens. Jesus traut es mir zu, das Wagnis der ganzen Liebe einzugehen und meinen Fuß über den Bootsrand zu setzen; er sagt auch zu mir: Komm!

Aus: Karlheinz May, Vom Duft der Auferstehung. Bernardus Verlag in der Verlagsgruppe Mainz, Aachen 2009.

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