„Día de los Muertos“ – Allerheiligen in Mexiko

In unserem Kulturbereich begehen wir jedes Jahr am 1. November Allerheiligen mit Gräberbesuchen auf dem Friedhof. Die Menschen in Mexiko feiern dagegen mit farbenfrohen Prozessionen und mitgeheimnisvollen Traditionen. Es gibt keinen Ort, wo der Totenkult nicht mit Ritualen und einem Festmahl gefeiert wird. Bei den indigenen Völkern ist die Begegnung mit den Toten Fest, Zeremonie, Identität und Reflexion. Wir wollen eine Reise durch einige Feierlichkeiten des Landes unternehmen.

Im Herzen des Tsotsil-Volkes steht San Pedro Chenalhé, ein Tropfen alten Blutes, tiefgründig und urtümlich, am Fuße der Berge, die das Chiapas-Plateau im südlichen Mexiko bilden. An diesem Ort verbringen die Frauen den Tag damit, so zu weben, wie ihre Großmütter es sie gelehrt haben. Ihrer Ansicht nach ist der Weberberuf göttlich und Frauen wie Müttern vorbehalten.

Hier werden die Seelen der Toten erst am 1. November willkommen geheißen. Frühmorgens haben die Männer bereits eine Kuh geschlachtet, die zusammen mit Pflanzen als Opfergabe an die Seelen dient, die aus Hatibak, dem Paradies, zurückkehren, wo sie viele Jahre inmitten von Fülle und Jugendlichkeit leben, um auf die Erde zurückzukehren und wiedergeboren zu werden.

Im Dunkel der Morgendämmerung sollen Trommeln, der Lärm von Feuerwerkskörpern und Glockengeläut den Seelen den Weg auf ihrer Rückreise weisen. Hier treffen sich die lokalen und traditionellen Behörden, um die heiligen Stätten zu besuchen. In Festkleidung und mit dem Zeremonialstab als Zeichen ihrer Autorität beten sie zu Füßen der drei Tsotsil-Kreuze. Vierundzwanzig Stunden lang gehen sie nicht ins Büro, um einige Zeit mit ihren Lieben zu verbringen, ohne öffentliche Aufgaben zu erfüllen. Durch dichte Wolken von Weihrauch und zu den Klängen der Trommeln schreiten die Frauen mit Bildern der Muttergottes in Prozession durch das Stadtzentrum; dies ist eine Reise der Reinigung.

Chenalhé ist bereit, seine Toten zu empfangen. Ein Seil, das an den Glockenturm gebunden ist, führt zu den drei Kreuzen vor der Kirchentür von San Pedro. Dieses straffe Seil wird verwendet, um die große Glocke zu läuten und einen imaginären Raum zu schaffen, einen separaten zeremoniellen Raum, wo die Seelen der Toten sich wie im Leben bewegen und sprechen können. Dies ist der gesellschaftliche und öffentliche Raum der Seelen, des Mictlén, und des Landes, wo die lokalen Behörden ihre Aufgaben wahrnehmen. Auf Bänken sitzend verbringen sie die Nacht damit, die Glocken zu läuten und sich mit den Problemen zu befassen, die während der Feierlichkeiten auftreten können.

Erinnerung und Respekt sind in der Luft greifbar; die Tsotsiles unterhalten sich miteinander und weinen laut um ihre Toten. Im Gegensatz zu anderen Orten ist hier das Totenfest (sk’in ch’uelelalo) ein Anlass für Kummer und Trauer.

An der zentralen Pazifikküste von Nayarit versammeln sich die Wixarika das ganze Jahr über ständig, um „Unsere Mutter, das Meer, an dem heiligen Ort, der als Tatei Haramara bekannt ist“, zu verehren. Die Wixarika feiern nicht den Tag der Toten, aber sie glauben, dass der Tod ein heiliges Ereignis ist. Wenn jemand stirbt, werden Riten für seinen Übergang in die Unterwelt abgehalten, wo er gereinigt ankommen muss. In ihrer kosmischen Sicht treibt die Erde auf dem Meer, das sie mit der Unterwelt gleichsetzen.

Der große weiße Felsen namens Waxiewe ist der Ausgangspunkt für die Reise der Götter, die zum äußersten Ende des zeitlichen Raumes führt. Dieser Kultort gilt als das Haus von Tatei Haramara; der Monolith gilt als das erste feste Objekt des Kosmos. Der Westen (tat+ata), das Meer und die Küste von Nayarit befinden sich in einem dunklen Gebiet. Aus dieser Feststellung leitet sich eine Reihe wichtiger Schlussfolgerungen ab. Zum einen leben hier die Toten, oder zumindest die meisten von ihnen.

In diesem heiligen Land gibt es rituelle Opfergaben, die von ihnen oder von Pilgern vergangener Zeiten hinterlassen wurden, sowohl an der Wasseroberfläche und am Meeresboden als auch am Strand und in den heiligen Höhlen. Ihre Opfergaben werden zwischen der sogenannten „Piedra de la Virgen“ (Felsen der Jungfrau) und Cerro del Viga, einem Leuchtturm im Hafen von San Blas, in die Tiefen des Meeres geworfen. Zu den Opfergaben gehören das Tzicuri oder „Auge Gottes“, ein mit Wolle überzogenes Kreuz, das eine symbolische Nachbildung der Heimat darstellt; außerdem viele Votivbecher und gravierte Steine. Auch Wachskerzen, Schokoladenstücke und Gebäck mit Tiersymbolen werden dargebracht.

Wie die Jungfrau Maria in Tepeyac wählte „Unsere Mutter, das Meer“ genau diesen „Meereshügel“, um ihren Kopf und den linken Arm zu zeigen. Der Himmel ist ihr Haar, geschmückt mit Wolken und Vögeln; der Pazifik ist ihr blaues Kleid und der Schaum auf den Wellen ist die Spitze, die sie ziert. An diesem „Meereshügel, sammelt das Meer all die Opfergaben. Deshalb sind der Sand, die Piers und Felsen in der Nähe des Hügels und der Tatewarita-Höhle, „das Haus unserer Mutter, des Feuers“ voll von Opfergaben und Gebeten, die über Tausende von Jahren in diesem irdischen Paradies niedergelegt wurden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen sich in diesem Ritual zu vereinen, das die Huichol seit Menschengedenken eifersüchtig bewahren.

Pedro Santacruz

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