Kolumbien: Tumaco gedenkt der Abschaffung der Sklaverei

Ulrike Purrer ist Theologin und promovierte Historikerin. Seit 2012 unterstützt sie die Jugendpastoral in Tumaco (Kolumbien), wo die Mehrheit der Bevölkerung afroamerikanischer Herkunft ist, und leitet das Centro Afro der Comboni-Missionare vor Ort. Das Afro-Jugendzentrum wurde gegründet, um jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich mit Hilfe von Kunst, Kultur, Gruppenarbeit und einer gemeinschaftlichen Glaubenserfahrung für einen sozialen Wandel einzusetzen. Für das Bistum Aachen berichtet sie vom Tag der Afrokolumbianität.

Am 21. Mai wird in Kolumbien an die Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1851 erinnert. Deshalb ist dieser so lebendig und farbenfroh begangeneTag der Afrokolumbianität seinem Selbstverständnis zufolge eigentlich kein Festtag, sondern ein Datum des Erinnerns, des Widerstands und politischen Ringens um die Anerkennung der Schwarzen, die immerhin fast 20% der kolumbianischen Bevölkerung ausmachen.

Auch in der Auferstehungspfarrei La Resurrección von Tumaco gehört dieser Tag zu den Highlights des Jahres. Er beginnt mit einem Gottesdienst in traditioneller Afro-Liturgie, also mit kraftvollen Trommelklängen, getanzter Gabenbereitung und aktiver Mitwirkung der gesamten Gemeinde in der Predigt. Die Kirche ist gelb, grün, rot und schwarz geschmückt, und ebenso farbenfroh geht es in der anschließenden Prozession durch die umliegenden Stadtviertel auch weiter. Angeführt wird die singende Gemeinde von fahnenschwingenden Stelzenläufern und mehr als 100 Kindern in bunten Tanzkleidern, schon bereit für den kulturellen Teil des Tages.

Das Leben der Afrokolumbianer steckt voller Symbolik. Die typischen, mitreißenden Rhythmen und Tänze sind Ausdruck von Lebensdurst, Freiheit und Würde. Außerdem haben sie eine rituell-spirituelle Dimension. Die Tanzenden verbinden sich mit der Erde, mit ihren eigenen Wurzeln, ihren Vorfahren und mit Gott. Auch die kunstvollen Frisuren der Frauen sind viel mehr als nur ästhetische Kunstwerke. In der Zeit der Sklaverei dienten die geflochtenen Haarmuster als Landkarten für mögliche Fluchtwege oder als Verstecke für winzige Schätze, wie Goldstücke oder Pflanzensamen, die ihnen den Start in ein neues Leben in Freiheit ein wenig erleichtern konnten.

In der Auferstehungspfarrei von Tumaco legt man viel Wert auf diese Traditionen. In der Kinder- und Jugendpastoral werden die entsprechenden historischen Kenntnisse und die Liebe zur eigenen Identität an die nächsten Generationen weitergegeben. Die Tanzgruppe der Gemeinde zählt über 60 Mädchen und Jungen. Sie alle präsentieren am Tag der Afrokolumbianität mit großem Stolz ihre Tänze und Choreographien. Der Höhepunkt der Veranstaltung ist eine Modenschau. Prämiert werden unter dem tosenden Applaus des Publikums jene Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit den beeindruckendsten Kleidern und Frisuren sowie mit einem selbstbewusst koketten Auftritt. Zum Abschluss gibt es für alle einen großen Becher des gehaltvollen champús. Das traditionelle Kaltgetränk enthält gekochte Maiskörner und Rohrzucker, den Saft von Ananas und Lulo sowie etwas Zimt, Nelken und saure Orangenblätter.

So war der 21. Mai in Tumaco auch in diesem Jahr wieder ein würdiges Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln und zu einem befreienden Glauben, jedoch auch ein Appell an uns alle, uns in Kirche, Politik und Gesellschaft weiterhin für Gleichberechtigung und echte Partizipation aller einzusetzen.

Ulrike Purrer Guardado

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