Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern (24. So. i. J. – Mt 18, 21-35)

„Vergib uns unsere Schuld.“ Vielleicht scheint es uns so, als ob wir uns diese Bitte doch recht leicht zu eigen machen könnten. Ich habe jedoch viele Menschen kennengelernt, die um Vergebung der Schuld gebeten haben, aber nicht bis auf den Grund ihrer Seele selbst daran glauben konnten und deshalb immer noch voller Verwirrung und Bitterkeit waren, niedergedrückt von der Last ihrer Schuld. Sie konnten nicht daran glauben, dass Gott uns die Sünden restlos und ganz vergibt, weil er der Barmherzige und Großzügige ist. Wir sind eingeladen, einmal darüber in Ruhe nachzudenken, ob wir wirklich die Gewissheit empfinden, dass Gott uns vergibt, und dass er es auf königliche Weise tut.

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigem.“ Manchmal erscheint es uns so, als hätten wir keine Feinde und auch keine Schuldner, als schuldeten wir niemandem etwas und umgekehrt. Wenn wir aber unser Gewissen einmal ernsthaft erforschen, dann stoßen wir auf eine geheime Bitterkeit, zum Beispiel gegenüber Menschen, von denen wir Achtung, Aufmerksamkeit, Zuwendung erwartet hätten und die uns enttäuscht haben – Vorgesetzte innerhalb der Kirche, Freunde, sogar die eigenen Eltern. Viele Menschen merken gar nicht, welche Gefühle der Bitterkeit, der Unzufriedenheit, des Grolls sie in ihrem Herzen hegen – Gefühle, die dann in schweren, schmerzhaften Momenten aus ihnen hervorbrechen und zu einer Explosion von Klagen und Vorwürfen führen, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten.

Kardinal Carlo Maria Martini

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