Die undankbare Kobra

Eines Tages fiel eine Kobra in einen tiefen Spalt im Boden und kam nicht mehr heraus. Ein Mann kam vorbei und hörte eine erstickte Stimme rufen: „Hilfe! Rette mich!“

Der Mann spähte in die Ritze und sprang sofort erschrocken zurück. Die Kobra ist der große Feind des Menschen. Die Kobra sagte: „Bitte, zieh mich raus!“ Immer noch zitternd, antwortete der Mann: „Das werde ich nicht. Du würdest mich beißen.“ „Nein“, flehte die Kobra. „Könnte ich die Hand beißen, die mich rettet?“

Der Mann dachte eine Weile nach. Dann ließ er sich langsam in die Spalte hinab. Nahe der Kobra zog er sich wieder zurück; aber die Schlange schlang sich sanft um seine Taille. Als sie beide draußen waren, sagte der Mann: „Jetzt kannst du runterkommen; du bist in Sicherheit.“

Mit einem finsteren Blick erwiderte die Kobra: „Sollte ich auf eine Mahlzeit verzichten, die mir das Glück zugeworfen hat? Niemals!“ Der Mann konnte nichts tun; die Kobra war immer noch um seine Taille gewickelt.

Er überlegte einen Moment. Das Einzige, was ihm einfiel, war, der Kobra zu sagen: „Na gut. Also, du wirst mich fressen. Aber zuerst möchte ich einige Tiere fragen, was ich falsch gemacht habe, um das zu verdienen. Wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann kannst du mich fressen.“

Die Kobra war einverstanden. Zuerst gingen sie zum Haus des Kamels. Als sie an der Tür standen, sagte der Mann: „Hör zu. Als ich die Straße entlangging, sah ich diese Kobra in einer Erdspalte und rettete sie. Jetzt will sie mich beißen; habe ich vielleicht etwas falsch gemacht?“ „Natürlich“, entgegnete das Kamel und ging ihm aus dem Weg, „natürlich hast du etwas falsch gemacht.“

Die Antwort machte den Mann traurig, aber die Kobra grinste. Dann ging der Mann langsam zu dem Affenbrotbaum, um die gleiche Frage zu stellen: „Hör zu“, sagte er zu dem Baum. „Während ich die Straße entlangging, sah ich diese Kobra in einem tiefen Riss; ich rettete sie, und jetzt will sie mich beißen. Habe ich zufällig etwas falsch gemacht?“ „Ja“, kam die Antwort. „Etwas sehr Falsches sogar.“

Trauriger denn je ging der Mann mit der Kobra (die überhaupt nicht traurig war) zum Haus des Eichhörnchens. „Hör zu, Freund. Während ich auf einer Reise war, habe ich habe diese Kobra aus einem tiefen Riss im Boden gerettet. Jetzt will sie mich beißen und töten. Habe ich etwas falsch gemacht?“

Das Eichhörnchen dachte eine ganze Weile nach und sagte dann: „Es scheint nicht möglich zu sein, dass du so etwas getan haben könntest.“ Dann wandte es sich an die Kobra: „Freund Kobra, warum kommst du nicht herunter und sagst mir die Wahrheit?“

Die Kobra schlüpfte sofort herunter. Aber während sie sich in eine Position brachte, um zu sprechen, schrie das Eichhörnchen: „Schnell, schlag ihm mit deinem Stock auf den Kopf!“ Der Mann ließ sich das nicht zweimal sagen und so rettete ihm das Eichhörnchen das Leben.

Seit diesem Tag haben wir ein Sprichwort: Halte deinen Feind auf Abstand, denn er hat zwei Zungen.

(Volksmärchen vom Volk der Borana. Kenia)

*** Übersetzung eines Beitrags in Combonimissionaries Newsletter vom 3. Dezember 2020 ***

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