Schwester Paula Glira aus Sankt Kassian im Gadertal wirkt seit mehr als dreißig Jahren als Missionarin in Sambia, einem Land im südlichen Afrika, das ihr inzwischen zur zweiten Heimat geworden ist. Ihr Herzensanliegen sind seit einiger Zeit vor allem junge Menschen, für die sie und ihre Mitschwestern am Stadtrand der Hauptstadt Lusaka ein Sozialzentrum gegründet haben, das den Namen unseres Gründers „Daniel Comboni“ trägt.
Die Menschen, unter denen ich tätig bin, haben mich gelehrt, das Leben in all seinen Facetten, in Freude, Traurigkeit und Leid als ein Geschenk Gottes anzunehmen. Die Leute hier scheinen Vergangenheit und Zukunft, Leben und Sterben trotz ihrer Armut als ein sinnvolles harmonisches Ganzes zu erleben. Es ist eine Lebens- und Glaubenshaltung, die für uns letztlich ein Geheimnis bleibt, in das wir nicht eindringen sollen. So habe ich zum Beispiel erlebt, wie eine Frau ihren sterbenden Mann begleitet und ihm dabei ein Schlaflied gesungen hat. Armut und Elend prägen das Leben hier an der Peripherie der Stadt. Besonders bewegt und beeindruckt mich in dieser in jeder Hinsicht prekären Situation immer wieder die Widerstandsfähigkeit der Frauen. Sie leben oft allein mit ihren Kindern und kämpfen Tag für Tag ums Überleben. Wenn jemand krank wird, bleibt der Zugang zu einem Arzt ein unerreichbarer Luxus. Die meisten Kinder werden den ganzen Tag allein gelassen, im Haus eingesperrt oder müssen ihre Zeit auf der Straße verbringen. Die Mütter oder manchmal auch die Großmütter haben keine andere Wahl: Sie müssen Wege zum Überleben finden. Am Abend bringen sie, wenn es gut geht, etwas zu essen mit. Sonst müssen sich die hungrigen Kinder bis zum nächsten Tag gedulden.
Wir Schwestern sahen die dringende Notwendigkeit zur Errichtung eines Sozialzentrums, in dem wir uns um die vielen Kinder kümmern können, die hier in diesem Randgebiet der Stadt herumstreunen. Sie haben keine Zukunft und sind ständig in großer Gefahr, in die Abhängigkeit von Alkohol und Drogen zu geraten und in die Prostitution und Kriminalität abzurutschen. Hier gibt es Gruppen von sogenannten „Junkies”, die von Diebstahl und Überfällen leben. Diese Jugendlichen hatten nie die Möglichkeit, zur Schule zu gehen und etwas zu lernen. Sie sind wie Ausgestoßene, die jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen. In unserem Zentrum versuchen wir, gerade solche Kinder und Jugendliche aufzunehmen, bevor es zu spät ist. Die meisten sind zwischen acht und siebzehn Jahre alt. Wir bieten ihnen die Möglichkeit, die Schule zu besuchen. Sie kommen in unser Zentrum, um lesen und schreiben zu lernen. Mittags geben wir ihnen Brot und Milch, was sie sehr zu schätzen wissen. Dadurch verbessert sich auch ihre Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Und sie beginnen besser und schneller zu lernen.
Im letzten Schuljahr hat zum ersten Mal eine Gruppe von Jungen und Mädchen die Prüfungen der 7. Klasse abgelegt und gute Ergebnisse erzielt. Das eröffnet ihnen neue Möglichkeiten und gibt ihnen Zuversicht und Hoffnung für die Zukunft. Wir unterstützen sie weiter, wenn sie in andere Schulen gehen. Wir werten das als großen Erfolg, weil damit auch für andere Kinder sichtbar und erlebbar wird, dass es nicht genügt, nur von einer besseren Zukunft zu träumen, sondern dass sie dafür auch die Voraussetzungen schaffen müssen. Diese jungen Menschen brauchen viel Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit. Sie kommen mit allem zu uns, was sie drückt oder freut, wenn sie zum Beispiel einen Zahn verloren oder von der Mutter eine kleine Münze bekommen haben, um Popcorn zu kaufen. Und wir freuen uns mit ihnen.
In unser Zentrum kommen jetzt auch mehrere Flüchtlingskinder aus dem Kongo zum Lernen. Sie leben nicht weit von uns entfernt in einem Flüchtlingslager, wo sie auch sporadisch mit Lebensmitteln versorgt werden. Ansonsten müssen sie sich selbst über Wasser halten. Wir helfen ihnen, wann immer wir können. Diese Kinder sind sehr motiviert, Englisch zu lernen, damit sie sich hier in Sambia besser akzeptiert fühlen können. Sie haben in ihrem jungen Leben oft schon viel Leidvolles erlebt. Aber genau diese Erfahrungen haben sie stark und bereit gemacht, für ein besseres Leben zu kämpfen. Sie wirken sehr entschlossen und sind damit ein Vorbild für die anderen Kinder im Zentrum. Eine dieser Flüchtlingsfamilien hatte zwei Söhne im Teenageralter aus dem Blick verloren, als sie vor dem Krieg im Norden des Kongo fliehen musste. Jahrelang hatte die Familie keine Nachrichten von ihnen, und viele hielten sie längst für tot. Die Eltern aber gaben die Suche nicht auf, bis sie vor kurzem über Facebook die Nachricht erhielten, dass ihr Sohn in einem Flüchtlingslager in Tansania gelandet war, wo sich Menschen um ihn kümmern. Sie versuchen nun, die Familienzusammenführung zu organisieren. Vom anderen Sohn gibt es bislang leider keine Nachrichten.
Vor zwei Jahren erlebten wir in Sambia eine Dürre, die sich auf die landwirtschaftliche Produktion und die Energieerzeugung auswirkte und zu Nahrungsmittelknappheit und Stromausfällen führte. Die Überschwemmungen während der Regenzeit trafen besonders die Armenviertel am Stadtrand von Lusaka, wo wir uns befinden. Viele verloren dadurch ihr Haus und ihr gesamtes Hab und Gut. Letztes Jahr mussten auch wir unser Zentrum für eine Woche schließen, weil das Wasser so hoch stand, dass es für die Kinder zu gefährlich war, zu uns zu kommen. Zwischen Zeiten der Dürre und der Überschwemmungen machen wir in unserer Mission hier einfach weiter, die zweifellos ihren tiefen Sinn behält. Wir preisen Gott dafür, dass wir noch am Leben sind und ihm in unseren Kindern und Jugendlichen dienen dürfen.
Schwester Paula Glira, CMS
