Noch einmal ganz anders anfangen

Noch einmal ganz anders anfangen

Bruno Frank (61), ledig, stammt aus Stimpfach-Rechenberg, Landkreis Schwäbisch Hall, gut zehn Kilometer von Ellwangen entfernt. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Malermeister. Wie es ihm als assoziiertes Mitglied unserer Gemeinschaft ergangen ist, berichtet er in seinem Beitrag hier.

Matany

Jetzt bin ich bereits im fünften Jahr hier im St. Kizito Hospital in Matany Uganda). Der Ort liegt auf ca. 1.300 Meter über dem Meeresspiegel in der Region Karamoja in der heißesten, trockensten und ärmsten Region im Nordosten des ostafrikanischen Landes Uganda. Matany ist ein Städtchen der langen Wege. Die nächste größere Stadt ist Moroto, liegt ca. vierzig Kilometer entfernt, Richtung Osten, fast an der Grenze zu Kenia. Dort befinden sich der nächste Bankschalter und das Postfach für das Krankenhaus. Kleinere Einkäufe sind dort möglich.

St. Kizito Hospital und Kirche (Matany/Uganda), Luftbild

In Moroto befindet sich auch der Bischofssitz. Unser Bischof, Damiano Guzzeti, kommt aus Italien und ist ein „Comboni“. Früher war er viele Jahre hier in Matany als Priester tätig. Bischof Damiano ist ein ganz unkomplizierter Mensch, wie Du und ich. Mir als Maler gefällt besonders, dass er eine abgeschlossene Ausbildung als Elektriker hat. Die Diözese Moroto ist auch Eigentümerin des St. Kizito Hospital Matany. Die nächste größere Stadt ist Soroti, diese liegt ca. 150 Kilometer südwestlich von Matany. Dort können wir einige Dinge besorgen, die in Moroto nicht erhältlich sind: Medikamente und Lebensmittel, um es mal grob zu umschreiben. Soroti hat einen gut bestückten Markt für Gemüse und Früchte. Aber auch Joghurt ist dort erhältlich, und das in einer sehr guten Qualität.

In Soroti gibt es aber noch einen weiteren „Markt“. Dieser besteht aber nicht offiziell, weil verboten! Auf diesem Markt wurden und werden vereinzelt immer noch Kinder verkauft. Dieser Kinder-Markt war im Jahr 2018 Thema eines Sonntagsgottesdienstes hier in Matany. Das war wohl eines der schlimmsten Dinge, die ich hier mitbekommen habe.

Erste Erfahrungen

Begonnen hat für mich alles im April 2017 mit einem vierwöchigen „Erkundungsbesuch“. Das erste Mal war ich in einem für mich (wirklich) fremden Land und in einer fremden Kultur. Die Menschen sind dort offen und sehr freundlich gegenüber uns „Wazungu“ („Weiße“ in der Swahili-Sprache in Ostafrika).

Mich hat schon damals das sehr gute Essen überrascht, und man erkennt sofort die (erfolgreiche) Arbeit der Comboni-Schwestern, was die Ausbildung der Köchinnen betrifft. Geflügel, Fleisch vom Rind, Ziege und Schwein, Pasta mit selbstgemachtem Pesto oder Tomaten, frittierte Kartoffelschnitze, Fisch und ganz sicher eine der besten Lasagne, die ich je gegessen habe. Aber auch das selbst angebaute regionale Gemüse ist einfach gut. Getrunken wird Wasser vom Wasserhahn, aber zum Frühstück gibt es richtig guten ugandischen Kaffee, ein echter Genuss! Was ich aber ein bisschen vermisse, ist Schwarzbrot…

In diesen vier Wochen habe ich schon die ersten gravierenden Unterschiede zwischen Uganda und Deutschland kennengelernt, bzw. erlebt. Insbesondere als ehemaliges, aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. So war es, dass wir am 28. April 2017, einem Freitag, gegen 21:40 Uhr im Laienmissionars-Haus einen Anruf erhalten haben: Etwa zehn Kilometer entfernt waren Br. Günther Nährich und Fr. Dennis Olok mit dem Landcruiser schwer verunglückt. Sie sind auf ihrer Fahrbahn frontal von einem Fernbus gerammt worden. Beide wurden sehr schwer verletzt. Am Samstagmorgen musste ein Flugzeug angefordert werden, um Bruder Günther und Father Dennis in die Hauptstadt Kampala zu verlegen. Eine Behandlung vor Ort war nicht möglich, da die Verletzungen zu schwer waren. Auch ein Transport mit dem Krankenwagen nach Kampala wäre für beide zu gefährlich gewesen, und so wurde morgens bei der „MAF“ ein Flugzeug angefordert. Die „MAF“ (Mission Aviation Fellowship) ist eine weltweit aktive „Flugmission“. Das Flugzeug kam dann nach sechs Stunden gegen 14:30 Uhr in Matany an. Starker Regen hatte den Abflug vom Stützpunkt der MAF in Kajjansi verzögert. Dieser kleine Flugplatz liegt zwischen Kampala und Entebbe am Viktoriasee. In Deutschland müssen der Rettungsdienst, der Notarzt und die Feuerwehr (ab Alarm-Eingang) nach fünfzehn Minuten an der Einsatzstelle, bzw. beim Patienten sein. Diese Erfahrung war schon sehr heftig. In Uganda regt sich da niemand auf, dort ist man froh, dass überhaupt Hilfe kommt. Die Luftunterstützung der MAF ist schon ein großer Segen!

Aufbruch nach Uganda

Den so genannten „Kulturschock“ hatte ich jedoch nicht erlebt. Anfang Mai 2017 bin ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Danach habe ich mit meinen drei Geschwistern alles rund ums Haus für die Vermietung erledigt. Am 27.11.2017 bin ich dann für zwei Jahre nach Matany zurückgekehrt. Der Grund für die kurze Zeit lag darin, dass ich höchstens für zwei Jahre eine Auslandskrankenversicherung abschließen konnte. Jetzt bin ich im Bauhof (Technical Department –TD) des Krankenhauses als Letztverantwortlicher eingesetzt.

Aussendung von Bruno Frank (li) durch Johann Töpfl (am Ambo) und P. Anton Schneider (re.)

Das „TD“ hat (im Moment) vierzig fest angestellte Handwerker mit Arbeitsvertrag. Viele haben eine richtige Ausbildung mit Papieren, soll heißen, dass sie Facharbeiter oder Gesellen sind. Ferner haben wir auch acht „Casual workers“ (Tagelöhner), diese haben jedoch keinen Arbeitsvertrag. Die „Casual workers“ wurden von uns angelernt und sind in allen Gewerken tätig, außer bei den Elektrikern. Ein großer Teil von ihnen hat sich sehr gut eingearbeitet. Des Weiteren haben wir in den Ferien zusätzlich Lehrlinge, die ihr Praktikum bei uns machen.

In der Technischen Abteilung des Matany-Krankenhauses gibt es etwa siebzig verschiedene Aufgabenbereiche, aufgeteilt in sieben Hauptbereiche: Maurer, Schreiner/Zimmerleute, Elektriker, Installateure, Schlosser, Mechaniker/Fahrer und Forstarbeiter. Rein rechnerisch kommen auf einen Hauptbereich zehn untergeordnete Teilbereiche.

Meine Aufgabe

Meine Aufgabe ist es, zusammen mit den Teamleitern der verschiedenen Gewerke die Arbeiten zu planen, organisieren, erforderliches Material zu bestellen und zu überwachen. Körperliche Arbeiten muss ich – verletzungsbedingt – nicht machen. Die Umstellung vom aktiven Handwerker zum „Theoretiker“ war nicht einfach. Aber ich bin wieder dabei, und nicht mehr übrig wie in Deutschland! Zuhause in Deutschland war ich mit 55 Jahren zu „alt“ und als Handwerksmeister „überqualifiziert“!

Diese Aufgabe ist sehr umfangreich, abwechslungsreich und hoch interessant. Hier werden Sachen wieder repariert, was in Deutschland unvorstellbar ist. Fehlt ein bestimmtes Werkzeug, wird es selber hergestellt. So wird es auch bei einfachen Ersatzteilen gemacht, die nicht sicherheitsrelevant sind. Ich würde sagen, für einen Handwerker/Tüftler ist das hier das reinste Paradies. Da gibt es jeden Tag Herausforderungen. Man muss dennoch vorsichtig sein, wenn Fahrzeuge kommen um den Reifendruck zu korrigieren. Da kamen kleine TOYOTA Busse (Vergleich VW-Bus) mit glatten Reifen, fehlenden Radmuttern und mit zwanzig Personen inkl. Kindern. Diese Kundschaft wurde nicht bedient und weggeschickt.

Bruno Frank (li) mit einem Mitarbeiter im Lager des St. Kizito Hospital (Matany/ Uganda)

Im Großen und Ganzen habe ich es mir schon so „ähnlich“ vorgestellt, aber das Improvisieren und nach einer Lösung zu suchen / daran herum zu tüfteln, wo es aussichtslos erscheint, haben wir in Deutschland irgendwie verlernt. Für rüstige Rentner, die noch mobil sind, wäre das bestimmt eine interessante Sache, hier mal ein bis zwei Monate mitzuarbeiten und unsere Arbeiter zu schulen. Aber auch für jüngere Menschen, die noch im Berufsleben stehen. Dies nur als kleine Anmerkung.

Ein weiteres Tätigkeitsfeld ist der Ambulance-Service (Rettungsdienst). Das war für mich auch „Neuland“. Da geht es oft runter von der Hauptstraße in den Busch raus. Solche schlechten, verschlammten, löcherigen Straßen habe ich vorher nur von Bildern gekannt. Da kommen die Landcruiser und der UNIMOG sehr oft an die Grenzen. Wenn dann noch eine schwangere Frau auf der Trage liegt, durchgeschüttelt wird und vor Schmerzen schreit, da war ich nicht nur einmal geschockt. Das ging/geht in Mark und Bein!

Unsere Patienten holen wir an so genannten „Health Centers“ ab, nicht an den Privathäusern! Im Moment fahren wir sechzehn dieser Zentren an. Das nächste Health Center (Lokopo) ist etwa zwölf Kilometer entfernt – bei Trockenheit. Bei Regen müssen wir einen Umweg fahren, dann sind es etwa zwanzig Kilometer. Aber auch diese Ausweichstrecke ist sehr rutschig und verschlammt. Das am weitesten entfernte Health Center ist in Apeitolim. In der Trockenzeit sind es achtzig Kilometer bis dorthin, bei Regen mit Umweg knapp über hundert Kilometer. Auch bei Nacht! Da dauert die Anfahrt schon mal bis zu zwei Stunden! Von den sechzehn Gesundheitszentren ist das Health Center in „Poron“ auch in der Trockenzeit nur schwer zu erreichen. Bei Regen oder kurz danach brauchen wir den UNIMOG. Da wird auch dem extrem geländegängigen UNIMOG seine Grenzen aufgezeigt.

Vier weitere Health Centers können wir überhaupt nicht anfahren, auch nicht mit dem UNIMOG, und das ist bereits bei Trockenheit so. Von der Regenzeit wollen wir erst gar nicht reden. Da werden dann Patienten zum nächsten erreichbaren Ort für uns, oder zum nächst gelegene Health Center gebracht, das wir anfahren können. Patienten der Geburtshilfe und der Kinderstation werden kostenfrei transportiert. Alle anderen müssen einen Pauschalbetrag bezahlen zwischen € 5,- und € 12,50. Die Fahrer sind normalerweise alleine unterwegs. Nur bei Nachtfahrten fährt immer einer der Wachmänner mit, und bei Fahrten zur Geburtshilfe ist immer eine Hebamme dabei. Da kommt es schon mal vor, dass der Fahrer bei der Rückfahrt anhalten muss, um der Hebamme bei der Entbindung behilflich zu sein!

Bei Verkehrsunfällen fahren wir die Unfallstelle direkt an. Seit 2020 ist die komplette Hauptstraße von Soroti bis Moroto komplett geteert. Dazu auch die Seitenstraße, die von der Hauptstraße bis Matany Ortsende führt. Br. Günther hat lange vorher schon gesagt, „Wenn die Straße nach Matany mal geteert ist, wird auf die Chirurgie viel Arbeit zukommen“. Er sollte Recht behalten! Auf der kurzen Zubringerstrecke vom Highway nach Matany hat es in ersten sieben Monaten acht tödliche Unfälle gegeben!

Wir haben ohnehin schon viele Patienten durch Gewalteinwirkung, Schussverletzungen (Kugeln, Pfeile und Speerspitzen) und jetzt noch vermehrt Verkehrsopfer. Die sehen zum Teil furchtbar aus. Das Schlimmste sind die Motorradunfälle. Die Fahrzeuge sind technisch unter aller Sau, die Fahrer/Beifahrer (bis zu fünf Personen/Kinder) ohne Helm, dann der raue Asphalt. Ich glaube, mehr muss ich nicht dazu sagen. Auch in einem solchen Fall ist der Fahrer des Krankenwagens alleine (!) unterwegs, ohne Notarzt oder Pflegekraft. Dieses möchte ich gerne ändern, zumal ich es als positiv von zu Hause kenne. 

Meine Erkenntnis

Ich habe mich in diesen schlimmen Momenten immer an der eigenen Nase packen müssen, über wieviel Unwichtiges ich/wir uns in Deutschland aufregen und uns empören. Als ich hierher nach Matany gekommen bin, hatte ich auch eine „sogenannte Wunschliste“ im Kopf. Diese gibt es schon lange nicht mehr. Ich habe sehr schnell erkannt, dass vieles in Deutschland, was wir als wichtig ansehen, unwichtig ist wie ein Kropf. Häufig dient es nur zur Selbstdarstellung!

Heuernte beim St. Kizito Hospital (Matany/Uganda)

Vieles erinnert mich aber an meine Kindheit, an das einfache Leben, ohne Fernseher, keine Stereoanlage und keine Werbezeitungen am Samstag. Dann sitzen wir hier bei mir im „Laien-Missionar-Haus“ fast jeden Samstagabend zum „Sundowner“ zusammen, Br. Günther, der Chefarzt, die Leiterin der Krankenschwester, oder Besucher von unserem Gästehaus (Ärzte aus Deutschland, Italien, oder der Fa. BBM aus Österreich…)

Nach dem Motto: Sich einfach die Zeit dafür nehmen! Was ich ganz besonders schätze und genieße, ist am Abend, wenn es dunkel wird, diese Ruhe und Stille. Kein Straßenlärm, nur die Grillen und in der Regenzeit quaken die Frösche. Da merkt man erst, wie „laut“ auch unsere kleinen Dörfer in Deutschland sind. Diese Ruhe hat mir von Anfang an gutgetan, ich kann auch bei Zimmertemperaturen von knapp 30° C sehr gut schlafen. Dies war in Deutschland seit Juli 2016 nur noch mit Tabletten möglich. All dieser „Wohlstandsmüll“ oder diese nicht wichtigen Statussymbole gibt es hier nicht. Man glaubt nicht, wie das den „Druck“ rausnimmt!

Ganz wichtig: Ich habe mich vom ersten Tag an nie als Fremder gefühlt!

Bei meinem Besuch in Deutschland im Jahr 2020 besuchte ich Kollegen und gute Bekannte. Sie alle sagten mir: „Du bist als stressgeplagter, kranker Mann nach Afrika gegangen und bist als ausgeglichener gesund aussehender Mann zurückgekommen.“ Mein Hausarzt hat mir gesagt, als ich nach Uganda aufgebrochen bin, meine Entscheidung nach Afrika zu gehen, in eine abgeschiedene Gegend wird Ihnen guttun. Als ich ihn 2020 wieder aufsuchte, sagte er mir, er erkenne mich nicht wieder – im positiven Sinne. „Mit diesem Schritt haben sie etwas hinbekommen, was viele mit Tabletten und Arztbesuchen nicht schaffen. Sie haben alles richtiggemacht.“ Und so fühlte ich mich auch.

Belegschaft des St. Kizito Hospital (Matany/ Uganda)

Seit 2000 (nach einer verschleppten Grippe, mit Herzmuskelentzündung) musste ich jährlich zum Kardiologen zu einer Ultraschalluntersuchung des Herzens und EKG – dies vorab.  Im Mai 2020 war ich seit 2016 das erste Mal wieder beim meinem Kardiologen. Nach der Untersuchung rief er mich in sein Sprechzimmer und fragte mich, was ich gemacht hätte. Er wisse nicht was er sagen solle! Ich antwortete ihm, dass ich mich wohl fühle. Er erwiderte mir, dass das seine Untersuchung auch ergeben hat. Er habe in all den Jahren immer Einträge in meine Krankenakte gemacht, die er heute nicht machen müsse. Er habe mich noch nie so fit und ausgeglichen gesehen, was ich gemacht hätte? Ich sagte ihm, „das glauben sie mir sowieso nicht“. Er forderte mich dennoch auf, es ihm doch zu sagen, was ich getan hätte.     

Also erzählte ich ihm meine „Geschichte“ seit 2016, angefangen mit der zweiten kaputten Schulter und der OP, mit der Aufgabe meines Berufs von heute auf morgen, der erfolglosen Arbeitssuche, dass ich zu alt war, dass ich überqualifiziert bin und von der Angst in der Psychiatrie zu landen. Dann mein neues Leben im ugandischen Busch, meine neue Aufgabe im St. Kizito Hospital in Matany. Und jetzt, vor wenigen Wochen die OP der anderen Schulter. Er schaute mich an und fragte, „Haben sie das wirklich gemacht“? Ich erwiderte ihm, „Ich habe ihnen doch gesagt, dass sie mir das nicht glauben. Aber ich habe dies so gemacht!“

Er schaute mich groß an und meinte mit leiser Stimme: „Ich muss ihnen sagen, Sie haben alles richtiggemacht. Sie haben ihr Leben komplett entrümpelt, haben den Druck rausgenommen, hatten den Mut einen solchen Schritt zu wagen. Das hätte mit Tabletten und noch so vielen Therapien nicht geklappt. Das gelingt nur sehr wenigen Menschen, Sie sind einer davon. Halten sie daran fest!“ In den Arztbrief für meinen Hausarzt hat er ganz unten zusammenfassend geschrieben: „Weiter so!“

Bruno Frank

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